Janina Benz

Fehlende Arbeitsplätze in Spanien versus Fachkräftemangel in Deutschland – gibt es eine gemeinsame Lösung?

Bei der heutigen Ausbildungskonferenz in Stuttgart trafen sich Deutschlands und Spaniens Bundesbildungsminister, Annette Schavan und José Ignacio Wert Ortega, um über Jugendarbeitslosigkeit in Europa zu sprechen. Ein Thema, mit dem sich auch GFT auseinandersetzt. Schließlich ist GFT seit 2001 auf dem spanischen Markt vertreten, derzeit mit mehr als 800 Mitarbeitern. Erst kürzlich haben wir im katalanischen Lleida den vierten Standort in Spanien eröffnet.

Marika Lulay, Chief Operating Officer bei GFT, wurde von der Stuttgarter Zeitung zur Situation vor Ort befragt, das Gespräch führte Alexander Günzler.

Alexander Günzler: Frau Lulay, wie sind Ihre Erfahrungen mit dem spanischen Arbeitsmarkt?

Marika Lulay - GFT Vorstandsmitglied

Marika Lulay - GFT Vorstandsmitglied

Marika Lulay: Im IT-Bereich gibt es dort viele gut qualifizierte Kräfte. Und dank attraktiver Personalkosten entwickelt sich das Land zum südeuropäischen Outsourcing-Standort. Die Spanier sind zwar etwas mobiler als die Deutschen, strömen aber, wenn sie ihre Heimatregion verlassen, vor allem in die Großstädte. In Barcelona und Madrid ist der IT-Arbeitsmarkt aber auch begrenzt. Wir sind mit Lleida daher in eine mittelgroße Stadt gegangen, um als mittelgroßer Arbeitgeber für ortsgebundene Kräfte präsent zu sein. Da wir dort der einzige IT-Dienstleister sind, hatten wir enorm viele Bewerbungen. Diese Strategie haben wir zuvor auch schon erfolgreich in Brasilien oder Indien verfolgt.

AG: Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund den schon lange beklagten IT-Fachkräftemangel in Deutschland?

ML: Es ist zu einfach zu sagen: es gibt einen IT-Fachkräftemangel. Weltweit gibt es genügend qualifizierte Menschen. Das Problem ist nur, dass wir die Spezialisten oft nicht dorthin bekommen, wo wir sie brauchen.

AG: Was hindert denn zum Beispiel junge Spanier daran, nach Deutschland zu kommen, um etwa in der IT-Branche zu arbeiten?

ML: Rein rechtlich ist das dank der Freizügigkeit innerhalb der EU kein Problem. Die größte Barriere ist meiner Erfahrung nach schlicht die Sprache. In der IT-Branche wird zwar viel auf Englisch dokumentiert, Meetings oder Kundenkontakte finden hierzulande jedoch in deutscher Sprache statt. Und da hapert es bei vielen Südeuropäern. Die Sprachenvielfalt ist zwar eine Herausforderung für ganz Europa. In kleineren Ländern, etwa in Osteuropa, kommt man aber auch mit Englisch durch. In Deutschland geht das nicht. Für Unternehmen wiederum bedeuten intensive Sprachschulungen für ausländische Mitarbeiter nicht nur hohe Kosten, sondern vor allem auch eine zeitliche Investition. Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis jemand lokal voll einsetzbar ist. Das ist eine wesentliche Barriere. Die oft angeführten hohen Kosten scheuen vermutlich vor allem die Leute selbst, weniger die Unternehmen.

AG: Was kann man dagegen tun?

ML: Auch wenn ich niemand bin, der sofort nach dem Staat ruft, meine ich, dass an Hochschulen, gerade in technischen Studiengängen, die sprachliche Kompetenz stärker gefördert werden sollte. Zudem könnte die Politik etwas tun, um die Mobilität der jungen Leute zu erleichtern.

AG: Wie könnte das aussehen?

ML: Viele Unternehmen helfen ihren Mitarbeitern etwa beim Umzug. Solch einen „Relocation Service“ könnte auch der Staat anbieten – etwa Anlaufstellen schaffen unter dem Motto „Mach mich fit für Deutschland“, wo junge Leute kostengünstig Informationen erhalten zu Ummeldung, Nachzug des Partners oder Kinderbetreuung. Praktische Lebenshilfe statt großer Verkündungen – das würde schon viel helfen.

Der Originalartikel wurde am 12.07.2012 in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht und ist unter diesem Link verfügbar.

Miguel Reiser

GFT eröffnet neuen Standort im katalanischen Lleida

Josep Ramon Freixanet (links) und Carlos Eres (rechts)

In unserem Interview erklären der Standortleiter Josep Ramon Freixanet und Carlos Eres, Managing Director von GFT in Spanien, welche Rolle der Anfang Februar eröffnete Standort spielen wird und was es mit dem neuen Angebot „Software Factory“ auf sich hat.

Miguel Reiser: Lleida ist der fünfte Standort von GFT in Spanien und der insgesamt zweiundzwanzigste des Konzerns. Wieso fiel die Wahl auf Lleida?

Carlos Eres: Durch die Lage von Lleida ist der neue Standort ein hervorragendes Bindeglied zu unseren anderen vier spanischen Büros. Dank der neuen Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Barcelona, Lleida, Saragossa und Madrid ist es auch logistisch ein perfekter Knotenpunkt.

Josep Ramon Freixanet:
Für unsere Standortwahl war besonders die Unterstützung der Institutionen in Lleida sowie die gute Infrastruktur des PCiTAL (dem Technologiepark von Lleida) wichtig. Eine entscheidene Rolle spielte außerdem, dass wir an der Universität von Lleida sowie den technischen Fachschulen qualifizierte Mitarbeiter und gute Kooperationsmöglichkeiten vorgefunden haben. Ein konkretes Beispiel: Die Universität wird das Projekt von GFT mit ihren Forschungsteams bei der Führung eines Usability Labs und der Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit der Produkte des Unternehmens unterstützen.

MR: Was hat es mit dem Angebot „Software Factory“ auf sich, das von Lleida aus bedient wird?


CE:
Mit den Software Factory-Dienstleistungen bieten wir Unternehmen optimierte Softwareentwicklungsprozesse zu einem wettbewerbsfähigen Preis. Hierbei ist für uns eine hohe Qualität entsprechend festgelegter Standards wichtig – GFT hat CMMI Level 3 erreicht. Mit anderen Worten könnte man sagen: Wir bieten mit unserem Angebot in Lleida die optimale Lösung für alle Projekte, die einen signifikanten Anteil an Softwareprogrammierung beinhalten. Unsere Prozesse und unser Know-how ermöglichen es uns, die Softwareproduktion gewissermaßen zu industrialisieren und das bei bester Qualität, unter Einhaltung der Lieferfristen und zu attraktiven Konditionen.

MR: Welche kurzfristigen Pläne haben Sie für GFT Lleida?


JRF:
Kurzfristig wollen wir mit bestehenden Kunden noch intensiver zusammenarbeiten und ihnen Dienstleistungen anbieten, die optimal an die konkreten Charakteristika von Software Factory angepasst sind. In einem nächsten Schritt möchten wir neue Kunden gewinnen. Zusätzlich möchten wir am Standort Lleida neue Mitarbeiter einzustellen: Derzeit arbeiten 15 Fachkräfte vor Ort, Ende des Jahres sollen es 50 und in drei Jahren bereits 150 Mitarbeiter sein. Wir wollen ein Team von Fachkräften aufbauen, die gerade ihren Abschluss im Bereich Informatik an der Universität oder einer technischen Fachschule gemacht haben und nun ihre Karriere in der IT-Industrie starten.

Impressionen von der Eröffnung

Andrea Wlcek

Deutschland als Anlaufstelle für europäische Fachkräfte – IT Consultant Juan Antonio Artigas Roig im Interview

Die derzeitige Situation auf dem spanischen Arbeitsmarkt hat gravierende Folgen: Selbst hochqualifizierte Fachkräfte finden keinen Job. Immer mehr Spanier zieht es deshalb ins europäische Ausland. Einer davon ist Juan Antonio Artigas Roig, der als Consultant bei GFT in Frankfurt arbeitet. In unserem Interview spricht er darüber, welche Herausforderungen der Wechsel mit sich brachte – und wie er davon profitierte.

Andre Dathe

Heute Barcelona, morgen München?

Die EU ist für Freiberufler wie für Fachkräfte-Suchende ein Segen. Das erlebe ich täglich in meiner Arbeit als Teamleiter für die Besetzung von Technologieprojekten durch freiberufliche IT-Experten, ein Kerngeschäft der GFT. Es gibt enorme Vakanzen, vor allem in internationalen Projekten. Für Berater aus EU-Ländern heißt es: Keine Reisebeschränkungen, kein Visum. Die Person ist quasi von einem Tag zum andern einsetzbar. Bei russischen Kandidaten muss man indes für ein Visum mit einem Genehmigungsprozess rechnen, der locker bis zu 3 Monate dauern kann.

Projekte im Ausland sind für die freiberuflichen Berater in der Regel kein Problem. Ein IT-Experte aus Spanien oder Griechenland, der nach Deutschland kommt, erhält oftmals ein höheres Salär als in seinem Heimatland. Dies kann je nach Skills und Projekt bis zum Doppelten steigen.

Die Ausbildung ist – zumindest im IT-Bereich – auch keine Hürde. SAP ist SAP, ob in Athen oder Frankfurt. Auch wenn es natürlich Länderspezifika gibt, die zu beachten sind, ist der Großteil der Prozesse gleich.

Wer einige Jahre in einer Festanstellung Praxiserfahrung gesammelt hat und sich in bestimmten IT-Umgebungen auskennt, wird mit Kusshand genommen. Besonders, wenn die Person, zusätzlich zur jeweiligen Landessprache, weitere Sprachkenntnisse mitbringt. Das ist ein echter Value Ad. Gute, vor allem fachbezogene Englischkenntnisse sind in der IT selbstverständlich eine Grundvoraussetzung. Wer zudem Spanisch, Russisch oder eine andere Fremdsprache kann, hat einen Job sicher.

Griechisch wird seltener nachgefragt, dafür schätzen unsere deutschen Auftraggeber das breite Wissen der hellenischen Berater. Da lokale, griechische IT-Projekte oftmals klein sind, gibt es normalerweise nicht für jedes IT-Thema, innerhalb dieser Projekte, einen separaten Verantwortlichen. Viele Kunden schätzen den dadurch erweiterten Fokus der Spezialisten. Denn auch in Großprojekten gibt es Schnittstellen zu anderen Bereichen, dann ist es von Vorteil, wenn man es gewohnt ist, über den Tellerrand hinaus zu blicken.

Manchmal scheut ein ausländischer Berater im Vorfeld die Kosten für den Flug zum persönlichen Gespräch mit dem potentiellen Auftraggeber. Doch über unsere langjährige Erfahrung haben wir im Matching viel Fingerspitzengefühl entwickelt, so dass das Risiko, die Reise umsonst angetreten zu haben, für den IT-Experten gering ist.

Bei der derzeitigen Situation im IT-Fachkräftemarkt kann ich die Kollegen aus den Krisenländern der EU nur ermutigen eine internationale Karriere einzuschlagen. Sie werden mit offenen Armen empfangen – und können die Projekte aussuchen, zu denen Ihre Skills und Ihre Kultur am besten passen. So positiv kann EU sein.

André Dathe

Bei Fragen können Sie mich gerne per Xing kontaktieren.

André Dathe